Ernst Dorfner

Der Zins in der Kredit- und Geldwirtschaft

Ursprünglich veröffentlicht 1994 in:

H.C. Binswanger/ P. v. Flotow » Geld und Wachstum .«

unter dem Titel » Der Zins in der modernen Geldwirtschaft «

Neuerdings wird vermehrt die Frage nach dem Zins als jenem Treibsatz aufgeworfen, der für das exponentielle Wachstum der Wirtschaft entsprechend der Zinseszinskurve möglicherweise verantwortlich sei und sich damit als der hintergründige Verursacher der Natur- und Umweltzerstörung herausstellen könnte. Dies scheint insofern naheliegend, als viele Entwicklungen im Bereich der Belastung unserer Erde durch den Menschen und seiner Wirtschaft gleichfalls einen exponentiellen Verlauf haben. Wenn wir nun in dieser Richtung Überlegungen anstellen, dann ist von der alltäglichen Erfahrung auszugehen, daß durch den Zins offensichtlich nicht nur eine Umverteilung und damit Konzentration des gesamten vorhandenen Geldvermögens einer Bestandsgröße - in immer weniger Hände bewirkt wird, sondern dieser Bestand auch ständig wächst und es so zur exponentiell wachsenden Akkumulation von Geldvermögen kommt.

Demnach vermehren Zinszahlungen das Geldvermögen, daß heißt, sie kommen zum Bestand dazu. Zinsen sind folglich ein Zuwachs, ein gesamtvolkswirtschaftlicher monetärer Mehrertrag, ein monetärer Mehrwert, wie ihn Karl Marx in seiner Formel G-W-G' darstellt. In diesem Sinn werden wir immer wieder von diesem Mehrertrag sprechen und damit den monetären Zuwachs des Vermögensbestandes meinen, also das, was auf das Vorhandene obere darauf gelegt wird.

Wenn es nun aber richtig ist, daß durch den Zins nicht nur eine Umverteilung des vorhandenen Geldbestandes bewirkt wird, sondern etwas zuwächst, dann ist auch die Frage zu beantworten, woher denn das Geld für die Zinszahlungen überhaupt kommt. Unbedingt ist aber auch zu klären, warum wir Zinsen zahlen müssen

Sollten wir dies alles dann zeigen können, dürfen wir auch hoffen, den Prozeß der Marktwirtschaft besser zu verstehen

Um weiteren Mißverständnisse zu vermeiden, sei hier noch folgende Anmerkung festgehalten: In dieser Untersuchung werden unter dem Begriff Geld sowohl Notenbankgeld (oder Bargeld) als auch Forderungen auf Notenbankgeld verstanden. Wir schließen uns damit der üblichen ökonomischen Diktion an, ohne in das Für und Wider einzusteigen. Dabei ist uns bewußt, daß das öffentlich-rechtliche Schuldentilgungsmittel allein Geld im Sinne des Notenbankgeldes ist. (1)

Die Diktion wird aber auch im Sinne einer besseren Didaktik und Analytik verwendet, nicht nur, weil im Alltagsumgang auch dann von Geld gesprochen wird, wenn es sich um Forderungen auf Notenbankgeld handelt. Dies auch deshalb, weil Geld nicht erst mit dem Notenbankgeld entsteht, sondern aus Privatrechtsverträgen. Wie wir darstellen werden, bildet das Notenbankgeld den Schlußstein, nicht aber das Fundament des die Wirtschaft tragenden »Kreditgewölbes«.

All jene aber, die mit dieser Diktion nicht einverstanden sind, bitten wir zumindest im Sinne einer einheitlichen Sprachregelung um Verständnis.

Wenn deshalb tatsächlich Notenbankgeld gemeint ist, dann wird es auch mit diesem Wort oder dem Wort Bargeld deutlich beschrieben.
 
 

Ist der Zins tatsächlich ein Zuwachs?

Vom »Blutkreislauf des Geldes«

Ist der Zins nun tatsächlich ein Zuwachs, etwas, was zum Bestand als Draufgabe dazukommt? Zur Sicherheit wollen wir als erstes dieser Frage nachgehen, wobei wir bei der Antwortsuche von täglich beobachtbaren Gegebenheiten ausgehen wollen.

Borgt sich jemand Geld aus, um etwa damit eine Investition zu finanzieren, so hat er am Ende nicht nur die geliehene Summe, sondern auch den darauf anfallenden Zins zu erstatten. Das ist eine Binsenweisheit. Investiert dieser jemand zusätzlich auch eigenes Geld, so erwartet er sich eine Rendite oder Eigenverzinsung in Form des Gewinnes zumindest in der Höhe, wie er sie als Verzinsung für eine Geldanlage erhält. Das aber heißt, daß sich sämtliches von ihm investierte Geld »verzinsen« muß, wobei der Begriff verzinsend hier unscharf verwendet wird, um den erwarteten Zuwachs auf alles eingesetzte Geld vorerst einmal festzuhalten.

Nun gilt diese Erkenntnis aber nicht nur für einzelnen Unternehmer, sondern für alle Unternehmer zusammen: Um die »Zinsen« an die Geldverleiher und sich selbst zahlen zu können, benötigt jeder von ihnen einen Rückfluß an Geld durch den Verkauf seiner Produkte, der in der Summe höher ist als das früher in die Produktion hineingesteckte eigene und fremde Geld, das auf diese Weise als Einkommen ausbezahlt wird.

Weiterhin leitet sich aus dieser Erkenntnis ab, daß das gesamte in die Produktion hineingesteckte Geld, das wiederum auch das gesamte Volkseinkommen bildet, somit vorfinanziertes Geld ist und sich so »verzinsen« muß - und sich in der Realität offensichtlich auch »verzinst".

Gehen wir zur Vereinfachung unserer weiteren Begründungen vorerst von dem modellhaften Fall aus, daß sämtliches Geld, das alle Unternehmer in die Produktion hineinstecken, von den Geldverleihen ausgeborgtes Geld ist. Wird von diesen 100 verliehen, so erwarten sie bei 10% Zins nach einem Jahr 110 zurück. Daran ändert auch die Einbeziehung der Umlaufgeschwindigkeit nichts. Alles Geld, das die Unternehmer insgesamt brauchen und insgesamt in der Wirtschaft vorhanden ist, ist - um es nochmals zu wiederholen - durch Kredite vorfinanziert, und zudem - so nehmen wir weiter an - alles in Bargeld, also in Notenbankgeld, ausbezahlt; und diese Kredite sind auch wieder in Bargeld zurückzuzahlen. Dann kann auch nur ganz konkret dieses ausgeborgte Bargeld - x Hunderter und y Tausender - wieder zurückgezahlt werden und keine Mark mehr. Jeder Hunderter bleibt nur ein Hunderter, so oft er auch die Hand wechselt, so schnell er auch umläuft. Und ist der Hunderter zurückbezahlt, dann ist er erst dann wieder im Kreislauf, wenn ein neuer Kredit aufgenommen ist. Wohl kann dann mit dem neuen Kredit vorerst die alte Zinsschuld getilgt werden, wodurch aber bereits wieder eine neue Schuld samt neuer Zinsforderung entsteht.

Mit anderen Worten: Verzinsung verlangt eine Vermehrung des vorhandenen Bestandes an Geld. Der Zins kann somit nicht einfach durch Umverteilung oder Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit einer vorhandenen Geldmenge zustande kommen. Denn durch keines der beiden wird dieses Vorhandene mehr. Es ist möglicherweise nun anders aufgeteilt, aber in der Summe gleichviel geblieben.

Nun gehen alle Klassiker und Neoklassiker der Nationalökonomie von der Modellvorstellung eines Kreislaufes des Geldes aus, vergleichbar dem Blutkreislauf - zurückzuführen auf Francois Quesnay, dem Leibarzt von Ludwig XV., einem der Väter der ökonomischen Wissenschaft.

So fließen aus den Unternehmen Geld in Form von Einkommen auf der einen Seite, die dort produzierten Waren auf der anderen Seite. (2) Entsprechend dem Gesetz von Say schafft damit jedes Angebot auch seine Nachfrage. Dabei wird nach etlichen Waren eine höhere monetäre Nachfrage entstehen als dem Angebot entspricht, wobei nach gängiger Meinung der Preis hierfür steigen wird und der Unternehmer so Mehreinnahmen erhalten kann. Zwangsläufig aber wird dann die monetäre Nachfrage nach anderen Waren demgemäß sinken müssen, also kleiner sein als das Angebot. Damit werden die Preise dort sinken und diese Unternehmen entsprechende Mindereinnahmen einfahren. Im Gesamtsaldo über alle Unternehmen wird sich das auf Null ausgleichen.

Ist nun aber dieser Gesamtsaldo Null, dann heißt das auch, daß unter diesen Umständen die Geldverleiher keine Zinsen für das in die Produktion hineingesteckte Geld kassieren können. Unter der oben getroffenen Modellannahme, daß sämtliches in die Produktion Gestecktes Geld geborgtes Geld ist, wird dies am einfachsten erkennbar. Dieses Geld ist dann das gesamte Geld, das vorhanden ist. Anderes Geld, auf das zurückgegriffen werden könnte, ist nicht da.

Wohl können unter diesen Umständen die erfolgreichen Unternehmen mehr zurückzahlen, als sie aufgenommen haben, die erfolglosen Unternehmen dagegen aber nicht einmal das, was sie aufgenommen haben, und zwar in Summe insgesamt um das weniger, was die erfolgreichen in Summe an Mehrertrag kassieren und damit maximal an Zinsen zahlen können. In Summe aber haben dann alle Geldverleiher zusammen wieder das, was sie verliehen haben. Eine Vermehrung ihres Geldvermögens ist so nicht erfolgt, wie es über den Zinseszinsmechanismus tatsächlich möglich wird: Und auch durch die Statistiken der Geldvermögens-Akkumulation immer wieder bewiesen wird.

Diese Theorie kann somit das Zustandekommen der real existierenden Zinszahlungen als gesamtvolkswirtschaftlichen Mehrertrag überhaupt nicht erklären.

Wenn wir nun unsere vereinfachte Modellannahme verlassen, dann sollten wir darüber hinaus erkennen, daß die Marktwirtschaft unter dieser Bedingung überhaupt nicht funktionsfähig sein kann. Es könnten nämlich in der Summe nicht nur keine Zinsen erhalten und bezahlt werden, sondern Gewinnerträge auch nur soweit, als ihnen in der Summe gleich hohe Verluste gegenüberstehen. Wobei unter Gewinn der Überschuß der Einnahmen eines Unternehmers gegenüber seinen Ausgaben zu verstehen ist. Wenn jedoch in einer gesamtvolkswirtschaftlichen Rechnung die Einnahmen aller Unternehmer zusammen ihren Ausgaben entsprechen, dann bleibt ein Ertragssaldo von Null. Erzielen dann einzelne Unternehmer Gewinne, dann muß der gesamten Gewinnsumme der erfolgreichen Unternehmer eine gleich hohe Verlustsumme der erfolglosen Unternehmer gegenüberstehen. Diese erfolglosen Unternehmer müßten dann in relativ großer Zahl laufend aus dem Wirtschaftsprozeß ausscheiden. Ein gnadenloser Selektionsprozeß mit all seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgen würde dann immer rascher ablaufen und schnell zum Kollaps des ganzen Systems führen. Denn die Wirtschaft funktioniert nur,

wenn im Saldo die Gewinne dominieren. Wenn dies nicht der Fall ist, wenn kein Gewinnpolster vorhanden ist, würde jeder Verlust sofort zum Bankrott der Verlust-Betriebe führen, was zum Ausscheiden der betreffenden Betriebe führen müßte. Das Resultat wäre eine kumulative Schrumpfung der Wirtschaft. (3) Wir können deshalb von der gesicherten Erkenntnis ausgehen, daß die Zinsen und auch die durchschnittlichen Gewinne einen Zuwachs darstellen, also etwas, was zum Vorhandenen hinzukommt und deshalb nicht das Ergebnis einer Umverteilung sein kann. Und wir können auch davon ausgehen, daß sich die Zinserträgc und der Gewinn diesen Mehrertrag teilen müssen. Wobei natürlich der einzelwirtschaftliche Gewinn zum Teil auch den Ertragsschwankungen zwischen den einzelnen Unternehmen infolge ihrer unterschiedlichen Tüchtigkeit im Wettbewerb geschuldet ist.

Spieltheoretisch ausgedrückt bedeutet das aber, daß unsere Wirtschaft kein Nullsummenspiel wie das Kartenspiel ist, bei dem die Gewinne des einen die Verluste der anderen sind. Bei dem Spiel »Marktwirtschaft« gehen grosso modo alle mit Gewinnen nach Hause, wenn auch in unterschiedlicher Höhe, und so auch einige wenige mit Verlusten.

Genau diesen Umstand hat Marx mit seiner Formel G-W-G' ausgedrückt, nicht aber zu erklären vermocht, wo »das Geld herkommt, um den Mehrwert zu versilbern« . (4)

In diesem Sinn wird nun vorerst einmal die Behauptung in den Raum gestellt, daß die Einnahmen der Wirtschaft gegenüber den Ausgaben entsprechend anwachsen müssen, um so einen ausreichenden Mehrertrag für die Finanzierung der Gewinne und Zinsen zu erwirtschaften, so daß auch für die Erfolglosen oder weniger Erfolgreichen soviel an Ertrag bleibt, daß sie mehrheitlich überleben können, also daraus zumindest die Abschreibungen und die Zinsen auf das geliehene Geld zu zahlen vermögen.

Unter diesen Umständen bewegen sich dann die Ertragsschwankungen der einzelnen Unternehmen nun nicht mehr um Null, sondern um einen Wert über Null, so daß nur wenige Ausschläge nach unten auch in den negativen Bereich, in den wirtschaftlichen »Frostbereich«, reichen. Nur diese relativ wenigen Betriebe müssen dann ausscheiden.

Eine stabile Wirtschaft ist demnach durch einen einigermaßen weit über der Nullinie liegenden mittleren Ertragswert gekennzeichnet, und umgekehrt eine instabile durch einen nahe bei Null liegenden.

Die vielen Firmenzusammenbrüchen im Rezessionsjahr 1993 können durchaus auf diesen Umstand begründet werden: Weil die Einnahmen der Wirtschaft insgesamt gegenüber den Ausgaben zuwenig anwachsen - weil also die Wirtschaft zuwenig wächst -, bleibt im Saldo zuwenig Geld für die Finanzierung der Gewinne und Zinsen übrig. Die Gewinne der noch erfolgreichen Unternehmen führen damit immer mehr zu tatsächlichen Verlusten der erfolglosen - d. h., sie können auch die Fremdschulden nicht mehr bedienen - und damit zu einer steigenden Zahl an bankrottierenden Firmen.
 

Das falsche Bild von der Marktwirtschaft als Tauschwirtschaft

Auch wenn jede Theorie, frei nach Goethe, grau ist, so zeigt die obige Darstellung doch, daß die Formel G-W-G' die Dynamik unserer Wirtschaft mit deren Akkumulation von Geldvermögen offensichtlich richtig beschreibt. Und wir erkennen, daß es sich je nachdem, ob Waren einfach getauscht werden, oder ob am Anfang das Geld steht, um unterschiedliche Wirtschaftsformen handelt. Und vor allem, daß die Marktwirtschaft nicht dem Bild einer geldvermittelten Tauschwirtschaft entspricht.

Dieses Bild einer Tauschwirtschaft geht dabei von der Vorstellung aus, daß die einzelnen Marktteilnehmer mit fertigen Waren auf den Markt kommen und dort gegen andere tauschen ohne oder mit Hilfe des Geldes. Dies gilt insbesondere auch für den Anfang dieser Ablaufkette, also auch für die Neueinsteiger in diese Wirtschaft. Dies aber setzt voraus, daß er - also der Neueinsteiger - diese Waren bereits vorher angefertigt hat und auch anfertigen konnte, was wiederum bedeutet, daß er auch freien Zugang zu allen Ressourcen hat, die hierfür notwendig sind. Er muß diese also nicht vorher kaufen, in sein Eigentum bringen. Und er kann sie auch nicht kaufen, weil er Geld erstmalig durch den Verkauf seiner Produkte erhält. (5)

Zu diesen Ressourcen - aber zählen nicht nur Rohstoffe und Vormaterialien, die in das Produkt eingeben, sondern auch die Existenzmittel der Produzenten, die die Waren anfertigen: Also nicht nur Holz, Leim und Nägel sowie das Werkzeug für die Anfertigung des Tisches, sondern auch Speise, Trank, Kleidung und Wohnung der Arbeiter. Nach all dem können sie, wenn auch mit Arbeit verbunden, unentgeltlich - ohne Geld - zugreifen.

Daraus leitet sich aber auch ab, daß in den am Markt angebotenen Waren nur ein Teil der eingesetzten Arbeitskraft steckt, während der übrige Teil in die direkte Existenzsicherung gehen muß. Am Markt angeboten wird somit nur ein Teil der produzierten Güter, ein Überschuß etwa an Getreide, der gegen den Überschuß anderer Güter, etwa Kleidung, getauscht wird. Grundsätzlich ist aber die eigene Versorgung mit dem Lebensnotwendigen nicht über den Markt, sondern durch den eigenen »Haushalt« möglich und sichergestellt. Etwa so, wie es noch vor 100 Jahren in einer weitgehend autarken Bauernwirtschaft der Fall war. Aristoteles bezeichnet diese Wirtschaftsform als Oikonomike, die Hausverwaltungskunde, und unterscheidet ganz deutlich davon die Chrematistike, die »Krämerkunde«, die Handels oder Erwerbswirtschaft. Aristoteles schreibt:

»Der anfängliche Tauschhandel hatte durchaus natürlichen Ursprung, indem die Menschen von einem Gegenstand mehr und von einem anderen weniger haben, als sie bedürfen. (... ) Ein solcher Tauschhandel nun ist weder wider die Natur, noch bildet er bereits eine Klasse des Gelderwerbs, denn er entstand nur, um die Mängel auszufüllen, die der natürlichen Autarkie des Lebens im Wege stehen; aber aus diesem entsprang jene Kunst des Gelderwerbs in sehr begreiflicher Weise.« (6) Es handelt sich also bei der angenommenen Tauschwirtschaft um eine Wirtschaftsform, in der der Zugang zu den Ressourcen für jedermann mehr oder weniger möglich ist und Geld nur als Tauschhilfsmittel in Sonderfällen fungiert.

In der Wirtschaftsform, in der wir leben, ist aber das Geld die unbedingte Voraussetzung, um überhaupt den Zugang zu de Produktionsressourcen zu erlangen, die - und das ist ganz entscheidend mehrheitlich im Eigentum irgendwelcher anderer Personen sind. Jeder Neueinsteiger in dieser Wirtschaft muß sich zuerst Geld besorgen, um damit den Zugang zu dem Eigentum anderer zu erlangen.

Privateigentum ist also ein Kennzeichen der modernen Marktwirtschaft, aus dem sich eine ihrer wesentlichen Funktionsbedingungen ableitet: Um überhaupt produzieren zu können, ist der Zugang zu den Produktionsressourcen herzustellen, die überwiegend im Eigentum irgendwelchen Dritter sind. Wobei unter diesen Ressourcen nicht nur Rohmaterialien, Werkzeuge und Maschinen zu verstehen sind, sondern auch die Existenzmittel der Produzierenden, der Arbeiter: Essen, Kleiden, Schlafen, Unterhaltung. Doch äußert sich die Marktwirtschaft nicht im statischen Besitz von Produktionsmitteln. Dieser statische Besitz ist vielmehr Kennzeichen des Feudalismus.

Die moderne Marktwirtschaft ist durch Dynamik gekennzeichnet: Sie entsteht erst in dem Augenblick, wo eine Person mit dem Eigentümer bestimmter Ressourcen einen Vertrag abschließt, der ihr den Zugang zu diesen für seine Produktion nötigen Ressourcen ermöglicht. Marktwirtschaft heißt deshalb Privateigentum, aber gerade nicht, auf dem Eigentum sitzen zu bleiben, sondern es gegen einen Vertrag wegzugeben, oder - wie wir noch zeigen werden - mit einem Vertrag auf das Spiel zu setzen. (7) Marktwirtschaft verlangt demnach auch vertragsfähige Personen, vertragsfähige Individuen. Privateigentum und vertragsfähige Personen aber setzen noch etwas weiteres voraus: nämlich den Rechtsstaat mit seinem Gewaltmonopol zur Durchsetzung dieser Rechtsansprüche, wobei ja auch Eigentum ein Rechtsanspruch ist und sich durch diesen vom Besitz unterscheidct.

Mit den Eigentümern dieser Ressourcen ist daher eine vertragliche Übereinkunft im Sinne eines Schuldvertrages herzustellen, der eine Refundierung für die Entnahme aus dein Eigentum des Dritten zusichert. Diese Refundierung erfolgt durch Geld.

Nehmen wir das als Faktum so hin. Zur Frage, was denn dieses Geld überhaupt ist und wie es entsteht, werden wir noch kommen.

Vorerst sollte an dieser Stelle aber auf eine irreleitende theoretische Vorstellung in unseren Köpfen hingewiesen werden, die mit dem Geldkreislauf zusammenhängt, wie wir ihn weiter oben schon dargestellt haben. Die Vorstellung ist ja allgemein die, daß mit dem Geld, das jeder von uns für seine Arbeit bezieht, gerade die Produkte gekauft werden, die eben durch diese Arbeit auch jetzt produziert werden. Obwohl die Unlogik offensichtlich ist und mit unserer praktischen Erfahrung nicht übereinstimmt, wird überwiegend so gedacht.

Mit dem Geld, das heute für die Fertigung von Waren bezahlt wird, die erst in Zukunft fertig werden und dann erst verkauft werden können, werden tatsächlich Waren gekauft, die schon fertig am Markt angeboten werden. Das ist auch unsere praktische Erfahrung. Denn wir wissen ganz genau, daß die Winterkleidung, die wir im Herbst kaufen, schon im Frühjahr konfektioniert wurde und den Textilarbeiterinnen die Löhne schon längst ausbezahlt wurden, mit denen sie auch damals bereits einkauften. Produzieren heißt deshalb ja auch Vorfinanzieren, heißt Verschuldung der Unternehmer, und Verkaufen heißt Einnehmen des Geldes, mit dem diese Schulden samt Zinsen wieder getilgt werden.

Nun können wir aber zudem auch sagen, daß die große Masse der Käufer, der Konsumenten, heute insgesamt nur das ausgeben können, was sie heute als Arbeitnehmer insgesamt auch einnehmen. Nehmen sie heute im Vergleich zu gestern mehr ein, können sie heute mehr ausgeben, nehmen sie weniger ein, können sie weniger ausgeben. Sie nehmen aber heute nur dann mehr ein, wenn die Unternehmer heute mehr Geld als gestern für die Herstellung der Produkte ausgeben, die morgen fertig angeboten werden. Wenn also die Unternehmer mehr Arbeit nachfragen und hierfür mehr Geld ausgeben. Die Höhe dieser Ausgaben bestimmt dann wieder die effektive Nachfrage, die aber wiederum bestimmt, ob die Unternehmer in Gesamtheit ihre heute fertigen Waren zu einem Preis verkaufen können, der höher ist als die gestern vorgeschossenen Kosten. Oder anders herum: Ob sie einen Mehrertrag gutbuchen können, und wie hoch dieser ist. Unweigerlich stellen sich hier nun zwei Fragen, die vorerst paradox erscheinen:


Geld entsteht aus Kredit. Was aber ist Kredit?

Um die Frage zu klären, wie Unternehmer in ihrer Gesamtheit mehr ausgeben können als sie einnehmen, ist zu klären, was denn Geld und Kredit überhaupt sind.

Kredit - so die übliche Vorstellung - kann nur jemand geben, der Geld übrig hat, es also für eigene Ausgaben derzeit nicht braucht. Demnach kann auch nur soviel an Krediten gegeben werden wie an Ersparnissen vorhanden ist. Kredite sind darin in Summe jene Einkommen, die von ihren Empfängern nicht direkt ausgegeben werden, sondern über die Kreditnehmer. Insgesamt bleibt damit die Höhe der monetären Nachfrage genau in Höhe der Ausgaben der gesamten Unternehmer erhalten. Was an Krediten vergeben wird, muß vorher durch Nichtverbrauch gespart werden.

Diese Vorstellung führt uns jedoch nicht weiter: Sie widerspricht der Realität unserer Wirtschaft mit ständig steigender monetärer Nachfrage, wie sie durch die Formel G-W-G' beschrieben wird. Sie leitet sich aus der Vorstellungswelt einer Getreidewirtschaft ab, in der eben nur soviel an Getreide verliehen werden kann wie von den Verleihern erspart wird. Wenn es sich beim Geliehenen noch zusätzlich um Saatgetreide handelt, dann kann aus der darauffolgenden Ernte auch der »Zuwachs« begründet werden. Während sich aber Getreide so »von selbst« vermehrt, vermehrt sich solcherart Geld gerade nicht:

»Geld bringt keine Kinder hervor «. Eine Geldwirtschaft unterscheidet sich davon also deutlich. Deshalb noch einmal die Frage: Was ist »Geld«?

Wir haben bereits festgestellt, daß unsere Wirtschaft, die Marktwirtschaft, Privateigentum, vertragsfähige Rechtspersonen und den Rechtsstaat als konstituierende Institutionen voraussetzt. Durch Vertrag wird so die Zugriffsmöglichkeit einer Rechtsperson auf das Eigentum einer anderen Rechtsperson ermöglicht. Dieser Vertrag muß auch einen Erfüllungsinhalt haben. Evolutionär hat sich hierfür ein Medium entwickelt, das wir »Geld« nennen.

Dieses Medium »Geld« bietet gemäß unseren Beobachtungen eine weitere konstituierende Institution der modernen Marktwirtschaft an: Das Bankensystem.

Die Banken erfüllen in diesem System eine ganz entscheidende Aufgabe, nämlich den mit dem Eigentumsübergang abgeschlossenen Schuldvertrag zwischen Käufer und Verkäufer zum einen durch einen Schuldvertrag zwischen dem Käufer und der Batik abzulösen. Mit diesem Vertrag wird dem Käufer ein Kredit zugeteilt, aus dem heraus er den Verkäufer mit »Geld« bezahlen kann und damit den Zugriff auf dessen disponibles Eigentum erhält. Mit Hilfe der Bank wird dabei die Schuld des Käufers gegenüber dem Verkäufer aufgelöst: Geld ist somit zuallererst Schuldentilgungsmittel gegenüber dem Verkäufer, hinter dem aber noch immer das Schuldverhältnis des Käufers gegenüber der Bank steht,

Die Rolle der Banken ist damit die eines Sammlers von Verträgen auf Erfüllung in der Zukunft, also ein Geschäft mit dem Produkt »Vertrauen«, das Kreditgeschäft.

Zum anderen wird aber der ursprüngliche Vertrag zwischen Käufer und Verkäufer durch diesen Kreditvertrag nicht nur ersetzt, sondern durch einen zweiten Rechtsanspruch des Verkäufers gegenüber der Bank ergänzt, der mit allseits anerkanntem Vertrauen ausgestattet ist. Der ursprüngliche »Rechtsanspruch auf Erfüllung in Zukunft« in der Hand des Verkäufers wird von der Bank übernommen und dadurch umlauffähig gemacht, das heißt, daß durch die Weitergabe dieses Rechtstitels Zahlungsansprüche getilgt werden können. Damit hat nun die Bank »Geld« geschöpft.

Die Bank wird damit zur Vermittlungs- oder Clearingsstelle, die einerseits Forderungen gegen die Schuldner hält, denen entsprechende Verpflichtungen gegen die Anspruchsberechtigten gegenüberstehen. Diese Forderungen bzw. Verpflichtungen werden in Konten festgehalten. Durch das Akzeptieren einer Forderung durch die Bank bezahlt der Käufer, durch Übernahme der Verpflichtung durch die Bank wird der Verkäufer bezahlt. Forderung und Verpflichtung stehen sich dann in der doppelten Buchhaltung gegenüber. Damit haben wir »umlauffähige« Zahlungsmittel, also schlechthin Geld, auch wenn dieser Umlauf nur durch Umbuchungen von Guthaben und Schulden erfolgt.

Allerdings reicht dieser Rechtstitel als Zahlungsmittel auch wieder nur so weit, wie das Vertrauen in die einzelne Bank reicht. Diese Reichweite kann nun aber nochmals erweitert werden, indem der Staat das Geldwesen an sich zieht und es als rechtsstaatliche Instanz absichert. Das von der Notenbank ausgegebene Geld - das Notenbankgeld - ist damit das gesetzliche Zahlungsmittel mit unbedingtem Anspruch auf Schuldentilgung, hinter dem nun auch der Staat mit seinem Gewaltmonopol steht. Allein dieses Notenbankgeld ist rechtlich gesehen Geld, während alles das, was wir bis jetzt besprochen haben, Forderungen auf Geld sind, die wir heute jedoch einfach als Geld akzeptieren. Das Notenbankgeld entsteht nun aber genau so wie oben geschildert durch Aufnahme von Krediten. Hier von Notenbankkrediten durch die Geschäftsbanken, durch die diese mit Notenbankgeld, mit Bargeld, versorgt werden. Dazu reichen die Banken Wechsel von Unternehmen bei der Notenbank ein und lassen sich diese refinanzieren. Eine Alternative dazu ist insbesondere der Ankauf von Schatzwechseln durch die Notenbank. »Neues« Geld kommt damit in den Umlauf

Dabei wird nun besonders deutlich, daß diese Kredite nicht auf Ersparnissen beruhen, sondern neugeschöpft sind. Deshalb fallen neben den Kosten für die Dienstleistung und einem Zuschlag für Gewinn und Risiko keine Kosten für die Kreditgewährung an. Theoretisch könnte also die Notenbank diesen Kredit mit einem Zinssatz zur Verfügung stellen, der diesen beiden Kosten entspricht.

Anzufügen ist, daß dieses Bargeld eine besondere Qualität der Zahlungsfähigkeit hat, die unabhängig ist von der Bonität einer bestimmten Geschäftsbank. Zahlungen erfolgen dabei nicht durch Umbuchungsvorgänge in den Geschäftsbanken, sondern durch körperliche Übergabe des Bargeldes. So wird Bargeld auch längerfristig von Nichtbanken gerade wegen einer besonderen Qualität der Zahlungsfähigkeit gehalten, also von Personen, deren Geschäft gerade nicht die Kreditgewährung ist.
 

Die Unternehmer können mehr ausgeben als sie einnehmen

Banken emittieren solcherart »umlauffähige« Zahlungsmittel, also schlechthin »Geld«, womit der Zugang zum Eigentum Dritter möglich wird. Dieses Geld findet seine Wertgrundlage im Vertrauen auf den Kreditnehmer, daß dieser seiner Schuldverpflichtung durch Aufnahme einer rentablen Produktion nachkommt und hierzu alle Anstrengungen unternimmt. Nun ist aber eine solche Schuldverpflichtung keine nur moralische Kategorie. Da ein Kredit den Zugang zu materiellem und immateriellem Eigentum von Dritten ermöglicht, das in die Produktion eingeht, muß hinter einer Schuld auch eine Haftung stehen, wobei der Einsatz für die Haftung, also das, was man für die Haftung »hinterlegt«, in der gleichen Kategorie liegen muß wie der durch den Kredit ermöglichte Zugriff auf das Eigentum anderer. Hinter der Haftung muß somit etwas stehen, das bei Nichterfüllung an den Gläubiger übertragen werden kann Und seinen Verlust kompensiert: die Übertragung von verwertbarem Eigentum des Schuldners.

Kredite sind also durch verwertbares Eigentum zu besichern. Kredit heißt in diesem Sinn nichts anderes als Liquidisierung von Eigentum, heißt, bereits vorhandenes Eigentum auf das Spiel zu setzen. Kredit und Geld erwächst aus Eigentum.

Das aber heißt - und ist besonders hervorzuheben -, daß Kredit in diesem Verständnis keine volumenmäßige Beschränkung in Ersparnissen findet, sondern nur in verwertbarem (von der Bank als Sicherheit anerkanntem) Eigentum zur Sicherstellung des Kredits. Mit dem Wachsen von Eigentum wächst aber damit auch das gesamte mögliche Kreditvolumen.

Mit dem ansteigenden Kreditvolumen steigt aber auch das Geldvolumen.

So kann auch festgehalten werden, daß Kredite nicht an das Vorhandensein von Geld gebunden sind. Geld entsteht vielmehr erst durch Kredite. Und je mehr Kredite nachgefragt und vergeben werden, um so mehr Geld entsteht.

Wir haben es hier mit einem Verschuldungssyndrom zu tun: Geld entsteht aus der gegenseitigen und wiederkehrenden Verschuldung von Privatpersonen. Eine Gesellschaft von vielen Vertragspersonen und Privateigentümern ist dabei notwendig, um dieses Syndrom in Gang zu setzen.

Anzumerken bleibt dabei, daß Geld - so wie wir es kennen - eine Gesellschaft von Rechtspersonen und Privateigentum voraussetzt, die eben gegenseitig etwas aufs Spiel setzen und dabei ein Eigentumsübergang vom einen zum anderen möglich sein muß. In einer sozialistischen Gesellschaft nur mit Gemeinschaftseigentum kann es daher auch nur eine Imitation »unseres« Geldes geben, also des Geldes einer Gesellschaft, in der privatrechtliche Eigentumsverträge konstitutiven Charakter haben.

Bei einer oberflächlichen Betrachtung hätte nun aber Kredit eigentlich wenig mit Vertrauen zu tun: Der Kredit scheint ja recht handfest durch Eigentum abgesichert. Daß dem nicht ganz so ist, werden wir weiter unten im Zusammenhang mit der Erstellung von Bilanzen und der Gewinn- und Verlustrechung sehen. Denn auch den Ziffern einer Bilanz kann mit mehr oder weniger Vertrauen begegnet werden. Eingeschlossen darin ist ja das Problem der Bewertung des Anlagevermögens. Vertrauen heißt damit vor allem auch Vertrauen in die Bilanz.

Durch die Ausdehnbarkeit des Kreditvolumens ist es möglich, von Periode zu Periode mehr Geld in die Produktion zu investieren, wodurch auch die monetären Einkommen sofort steigen, während die Waren, die letztlich aus der Investition hervorgehen, erst später auf den Markt kommen. Damit aber steigt auch die effektive monetäre Nachfrage nach den heute bereits fertigen Waren, so daß diese zu einem Preis verkauft werden können, der höher ist als ihre Kosten.

Weil also das Kreditvolumen - und damit auch das Geldvolumen - durch Verpfändung und Liquidisierung von Eigentum ausdehnbar ist, wird es möglich, daß die Unternehmer in ihrer Gesamtheit dann mehr Geld - für Investitionen und den Eigenkonsum - ausgeben können, als sie in ihrer Gesamtheit einnehmen. Und zwar dadurch, daß sie zusätzliche Kredite aufnehmen Zusätzliche Kredite sind dabei solche, die über die Summe der Ersparnisse aller Wirtschaftssubjekte - Unternehmer und Konsumenten hinausgehend. (8)

Die Besicherung der Kredite durch Eigenkapital

Der Zins als Instrument der Kreditrationierung

Die Unternehmer rechnen in ihrer Preis-Kalkulation auch die Finanzierungskosten und einen auch die Zuschlag für Wagnis und Gewinn zu. Damit aber werden die Stückpreise höher als die vorfinanzierten Kosten. Folglich kann die ganze produzierte Stückzahl nur dann zu den gegebenen Preisen abgesetzt werden, wenn das Gesamteinkommen und damit die effektive Nachfrage höher ist als es den vorfinanzierten Kosten entspricht. Das aber ist nur dann möglich, wenn die Wirtschaft wächst.

Das Wachstum der Wirtschaft ist nun aber auch möglich: Die Unternehmer müssen nur genügend Zuversicht zeigen und insgesamt genügend »neues« Geld für Netto-Investitionen (und Konsum) ausgeben.

Dieses »neue« Geld wird über die Kreditvergabe des Bankensystems geschöpft, wobei die Banken diese Kredite von den Unternehmen besichert haben wollen.

Wie aber ist das möglich, wenn dem Anlage- und Umlaufvermögen entsprechende Forderungen gegenüberstehen, diese also den Unternehmen definitiv noch gar nicht gehören, und dann, wenn diese fremdfinanzierten Investitionen abgeschrieben sind, dieses Anlagevermögen bilanzmäßig nicht mehr existiert?

Wir haben bereits festgestellt, daß durch die Netto-Investitionen und das dafür ausgegebene Geld Gewinne erst möglich werden und damit auch neue Nettoersparnisse in Form von Vermögenszuwächsen. Diesen Vermögenszuwächsen stehen auch Zuwächse an Verschuldungen gegenüber, Verschuldungen und damit Kredite, die gerade nicht auf bereits vorhandenen Ersparnissen beruhen. Ersparnisse sind also nicht die unbedingte Voraussetzung von Krediten, sondern das Ergebnis von Krediten. Diese Netto-Ersparnisse sind durch entsprechende Verschuldungen gedeckt. Dies ist an Hand der doppelten Buchhaltung auch nachvollziehbar: Buchungen auf der Sollseite müssen zwangsläufig und gleichzeitig auch Buchungen auf der Habenseite gegenüberstehen. Erst dort, wo es einen Schuldner gibt, kann es auch einen Gläubiger geben. Und wenn der Gläubiger im ersten Schritt eine Bank ist, so wird diese dadurch erst in die Lage versetzt, die Zinsen auf ihre Einlagen zu zahlen. Eine einseitige Gutbuchung von Zinsen ist ohne diesen Schuldner gar nicht möglich.

Hinzuzufügen ist, daß dies letztlich nicht nur für die Netto-Ersparnisse, sondern für alle Erparnisse gilt, die ja ursprünglich alle auf die gleiche Weise als Netto-Ersparnisse entstanden sind. Nur so kann ja die Entwicklung auch einen Anfang haben, muß also nicht auf einen vorhandenen Bestand von Geld aufbauen. (9) Auf diese Art entsteht nun aber auch immer wieder neues Geldvermögen. Und zwar vorerst in Form von Finanzanlagen. Die Bemühungen der Unternehmen, vor allem der Kapitalgesellschaften, gehen nun aber dahin, die ursprünglichen Bankenfinanzierungen durch Eigenkapital zu ersetzen, indem sie mit Anteilscheinen an die Börse gehen.

Diesem Eigenkapital auf der Passivseite stehen dann bilanzmäßig zwar genauso die Anlagen- und Umlaufwerte auf der Aktivseite gegenüber wie bei Fremdkapital, doch unterscheidet sich das Eigenkapital vom Fremdkapital dadurch, daß es abgewertet in seinen Ansprüchen reduziert werden kann, wogegen die Außenschuld voll besichert bleibt - sofern das Unternehmen nicht überhaupt bankrottiert. Die Aktionäre und Gesellschafter tragen also allein das Risiko, wofür sie aber auch eine Rendite erwarten können, die über die Verzinsung von Finanzanlagen hinausgeht. Kurz gefaßt könnte auch gesagt werden: Das Fremdkapital wird mit dem Eigenkapital besichert.

Die Erwartungen auf einen höheren Ertrag der Sachanlagen sind es aber wiederum, die den Prozeß der Veranlagung steuern. Von ihnen hängt es ab, wie rasch die Unternehmen nach »außen« wieder kreditfähig werden.

Der Haftungsrahmen ist somit abhängig vom Anteil des Eigenka Der Haftungsrahmen ist somit abhängig vom Anteil des Eigenkapitals am Anlage- und Umlaufvermögen. Da die Bedienung des Eigenkapitals als Risikokapital erst nach der Bedienung des Fremdkapitals kommt, also darauf warten muß, was übrig bleibt, ist eine Bedeckung von neuen Bankkrediten bei Ausdehnung des Eigenkapitals immer wieder möglich. Der Haftungsrahmen wird somit bei positiven Erwartungen durch Erweiterung des Eigenkapitals rasch wieder für eine neuerliche Kreditaufnahme und eine neuerliche Netto-Investition frei. Das Spiel kann somit von neuem beginnen, wobei es sich aber auch immer weiter ausdehnt, weil der Haftungsrahmen mitwächst.

Der Kreditschöpfung ist damit im Prinzip keine Begrenzung gesetzt.

lnsofern sind also Kredite niemals knapp. Ob jemand einen Kredit bekommt, hängt unter diesen Umständen nur von ihm selbst ab, nämlich von seiner Kreditfähigkeit. Kredit hängt so allein davon ab, ob jemand »Kredit« hat, nicht aber davon, ob andere Ersparnisse getätigt haben. Insoweit - aber auch nur insoweit gibt es keinen Knappheitspreis für Kredite in Form des Zinses, der durch das Zurückhalten von Geld - also durch das Horten erpreßt werden könnte. Denn mit dem Kredit entstehen Zahlungsmittel sozusagen »aus dem Nichts«. Wobei sich der Preis der Bereitstellung von Zahlungsmitteln vorerst aus den Kosten für die zu erbringende Dienstleistung und einem Zuschlag für Risiko und Gewinn ergibt. Damit aber hat dieser Kredit als »herstellbares« Gut keine sehr spezifische Eigenart im Sinne eines Markenproduktes. Vielmehr ist diese Gut relativ leicht substituierbar, relativ leicht durch einen anderen »Produzenten« anzubieten. In diesem Sinn ist Kredit als ein homogenes Gut zu bezeichnen und sein Preis sehr stark dem Konkurrenzdruck ausgesetzt und gerade nicht aus einer Monopolsituation der einzelnen Geschäftsbank heraus begründbar.

Allerdings ist hier anzumerken: Wenn Kredit insoweit nicht knapp und Geld insoweit beliebig vermehrbar ist, geht es nun darum, dieses zu verknappen. Denn Geld, das nicht knapp ist, weil es jeder herstellen kann, ist kein Geld mehr!

Wir kommen später noch ausführlich darauf zurück.

Weiterhin aber läßt sich der Zins auch nicht ausschließlich als Risikoprämie für die Gewährung von Krediten begründen, da Kredite nur gegen entsprechende Sicherstellungen vergeben werden und ein über das übliche Geschäftsrisiko hinausgehendes Risiko nicht besteht. Allerdings ist es eine mit entsprechenden Recherchen in den Geschäftsbüchem verbundene Einschätzung des üblichen Geschäftsrisikos, die im konkreten Fall den »Kredit« des einzelnen, das Vertrauen in seine Sicherstellungen, begründet. So können sich im Fall der Nichtbedienbarkeit des Kredites diese Sicherstellungen - meist in Form von Anlagevermögen oder Grundstücken auch als falsch bewertet herausstellen. Für diese Fälle ist aber dann wie bei jedem anderen Unternehmen der Zuschlag für Gewinn und Risiko vorhanden.

Beispielhaft könnten all diese Feststellungen mit dem TALENTE-Experiment dargestellt werden, wenn dabei in Betracht gezogen wird, daß die gewährten Kredite nicht nur Konsumkredite sind, sondern für Investitionen verwendet werden. Auch hier sind die Kredite von keinen Ersparnissen abhängig, da das Modell als ersten Schritt Kredite vergibt, wodurch auf der einen Seite Schulden, auf der anderen Seite erst Ersparnisse entstehen. Für die Kreditvergabe wird sich jedoch auch hier sehr rasch die Frage der Sicherstellung ergeben. Damit die Kredite knapp bleiben, sind allerdings von vornherein Kreditlimite vorgesehen.

Nun werden mit dem aus den Krediten fließenden Geld Ressourcen, also reale Waren und Leistungen, nachgefragt, die nur begrenzt vorhanden sind. Eine unbeschränkt steigende Kreditexpansion geht damit einher mit einer unbeschränkt steigenden Nachfrage, wobei es auch zu einer Übernachfrage nach einzelnen begrenzt vorhandenen Ressourcen kommen kann. Die hohe effektive Nachfrage, die es bislang den Unternehmen ermöglicht, über die Preise ihrer Erzeugnisse einen Überschuß zu realisieren, aus dem heraus Gewinn und Zinsen bezahlt werden, bewirkt dann eine inflationäre Preissteigerung. Das Wachstum der nachfragenden Geldmenge, dem das Wachstum der realen Wirtschaft immer einen Schritt hinterhereilt, aber vom ersteren nicht abgehängt wird, beginnt diesem nun davonzulaufen. Da nun aber Geld aus Krediten, und damit aus dem »Kredit« in die Einhaltung von Schuldverträgen entspringt, ist einer übermäßigen Geldentwertung systemnotwendig entgegenzutreten, um einer Erosion des Geldsystems vorzubeugen und das ganze System nicht in sich zum Einsturz zu bringen. Wird nämlich das Vertrauen zu sehr enttäuscht, bricht das zusammen, was das ganze System trägt: der »Kredit«. Durch eine Geldentwertung bzw. Inflation wird vor allein das Verhalten der »Geldanleger« beeinflußt, da deren Erwartungskalkül von einer möglichst stabilen Bewertungsgrundlage ausgeht. Ungewisse zukünftige Preissteigerungen können das Anlegerverhalten in unterschiedliche Richtungen verändern und vor allem durch einen Nicht-Einstieg oder einen Ausstieg aus dem Haltung von »papierenen« Geld-Forderungen zugunsten des Haltens von realem Eigentum auch die realwirtschaftliche Entwicklung stark beeinflussen. Unter »Geldanlegcrn« sind dabei die Halter insbesondere von langfristigen Forderungen auf Geld zu verstehen, also von Personen, die die Gläubigerseite in diesem Schuldner-Gläubigerverhältnissen (11) bilden.

Um somit eine einigermaßen vorausschaubare Entwicklung zu gewährleisten, ist es die Aufgabe der Notenbank als »Bank der Banken«, die Kreditentwicklung entsprechend zu steuern. Diese Steuerung ist ein kybernetischer Prozeß, der einer dauernden Beobachtung der Preisindizes bedarf und aus konjunkturellen Gründen stets leicht auf die inflationäre Seite ausgerichtet ist. Während nämlich leicht inflationäre Tendenzen wachstumsfördernd wirken, gehen von einer Tendenz zur Deflation sehr rasch Signale aus, die zu einer Nachfragezurückhaltung, zu einem weiteren Verfall der Preise und einem Zusammenbruch der Konjunktur führen.

Die Steuerung der Kreditentwicklung richtet sich somit an keinem strengen Richtwert aus, sondern muß in einem Spielraum zwischen konjunktureller und inflationärer Entwicklung mit Fingerspitzengefühl erfolgen.

Wichtigstes Instrument zur Steuerung der Kreditentwicklung ist die Bindung der Kredite an die Mindestreserve, sowie die Diskont- und Offenmarktpolitik der Notenbank.

Die Geschäftsbanken können ja im Gegensatz zur Notenbank kein Geld in Form des Notenbankgeldes schöpfen, sondern nur Forderungen auf Notenbankgeld, wie Buchgeld, Spar- und Termineinlagen usw. Diese Forderungen sind aber gegebenenfalls auch zu erfüllen, d.h. in Notenbankgeld auszuzahlen, da nur dieses das öffentlich-rechtliche Schuldentilgungsmittel ist. Jede Bank muß dazu einen bestimmten Teil der Forderungen der Bankkunden auch in Bargeld halten. Diese Mindestreserve wird bindend von der Notenbank vorgeschrieben bzw. kann zur Steuerung des Kredit- und Geldvolumens herauf- bzw. herabgesetzt werden.

Dehnen sich nun aber die Kredite der Banken immer weiter aus, so wird schließlich irgendwann die durch den Mindestreserve-Anteil vorgegebene Grenze erreicht. Für weitere Kredite muß sich die Bank bei der Notenbank refinanzieren, um so zu mehr Bargeld zu kommen. Die Kosten dieser Refinanzierung werden durch die Höhe des Notenbank-Zinssatzes bestimmt.

Dieser Notenbank-Zinssatz bestimmt nun aber ganz generell das Zinsniveau am Geldmarkt und damit auch die Einlagenzinssätze. Wobei natürlich Unterschiede durch die Fristigkeiten der Einlagen entstehen. Keine Bank wird ja einen höheren Zins für eine Einlage zahlen als die dafür nötige Refinanzierung bei der Notenbank kostet. Andererseits wird aber die Konkurrenz der Banken untereinander um Einlagen keinen Zinssatz zulassen, der weit unter dem der Notenbank liegt.

Kredit und Geld bleibt auch damit ein homogenes Gut, dessen Preis jedoch vom marktbeherrschenden Anbieter bestimmt wird. Dieser marktbeherrschende Anbieter ist die Notenbank. Es wird nun aber auch erkennbar, daß in dem vorerst offenen Kreditsystem die Zurückhaltung von Geld, also dessen Nichtverwendung zu Einkäufen, ursächlich nicht den Zins erzeugen kann. Sie reduziert nur den Rückfluß des Geldes zu den Unternehmen (Cashflow) und damit deren Gewinne, aus dem heraus die weiteren laufenden Betriebskosten und Ersatzinvestitionen getätigt werden, so daß zusätzlich auf Kredite zurückgegriffen werden muß.

Solange die Unternehmen kreditfähig sind, bekommen sie diese Kredite auch. Auch dann, wenn das nicht ausgegebene und so zurückgehaltene Geld nicht in Form von Krediten zur Verfügung gestellt, sondern gehortet wird. Denn die Notenbank bietet ja auf jeden Fall Kredite an. Allerdings nur zu einem ganz bestimmten Preis, den die Notenbank bestimmt.

Anzumerken bleibt, daß die Zurückhaltung von Kaufkraft eo ipso auch solange keine Hortung ist, als sie in einer Zurückhaltung - oder Haltung - von Notenbankgeld besteht. Jede andere Form von Geld scheint ja nur in Gutbuchungen bei Banken auf, die, obgleich nicht für Käufe verwendet, doch nicht gehortet ist. Da es bereits Forderungen sind, können sie nur noch in Forderungen mit anderen Fristigkeiten umgewandelt werden. Desgleichen ist der Zins auch keine Entschädigung für den Verzicht auf Konsum durch Sparen zugunsten von Investitionen. Denn Sparen mindert eher die Investitionsfähigkeit als daß es Investitionen ermöglicht, weil diese dann nicht so sehr aus den Gewinnen heraus finanziert werden können, sondern in einem höheren Ausmaß Kredite aufzunehmen sind, die jetzt aber nicht allein vom Angebot der Notenbank abhängen.

Für die Banken ergibt sich damit aber nur scheinbar ein zusätzliches Geschäft. Brauchen nämlich die Unternehmer bereits zur Finanzierung der laufenden Aktivitäten Kredite, werden sie wegen der solcherart verschlechterten Geschäftserwartungen auf der anderen Seite neue und zusätzliche Investitionen zurücknehmen und dementsprechend weniger Kredite nachfragen.
 

Der Zins im Spannungsfeld von Notenbankpolitik und Bankenwettbewerb

Der Zins als Knappheitspreis

Mit der Festlegung des Notenbank-Zinssatzes übernimmt die Notenbank auch die Verantwortung für die Grobsteuerung des Wirtschaftswachstums. Da sich die Zinsen und der Gewinn den zukünftigen Mehrertrag teilen müssen, unterbleiben durch Heraufsetzung des Zinssatzes alle Investitionen, die einen zu kleinen Bruttoertrag und damit einen zu kleinen - als Restgröße verbleibenden - Gewinn verprechen.

Nun versorgt aber die Notenbank die Wirtschaft nicht grenzenlos zu diesem vorerst festgelegten Notenbank-Zinssatz mit Notenbankkrediten und mit Geld. Steigt die Nachfrage nach Geld zu einem bestimmten Zinssatz weiter an, so besteht seitens der Notenbank der Anlaß, ihren Zinssatz weiter anzuheben. Mit dem von der Notenbank heraufgesetzten Preis von Krediten wird somit das bisher offene Kreditsystem zu einem halboffenen (oder halbgeschlossenen) System.

Kredite zu dem in einer bestimmten Höhe festgelegten Notenbank-Zinssatz und dem davon abhängigen Kreditzinssatz - und zu keinem höheren - sind somit in jedem Zeitabschnitt ein knappes (inhomogenes) Gut, auch wenn das Angebot hierfür im Laufe der Zeit ständig ausgewertet werden kann.

Auf der anderen Seite machen Geschäftsbanken die Kreditnehmer mit der Kreditvergabe zahlungsfähig. Das ist ihr Geschäft. Als Preis für diese »Bereitstellung von Geld« kann die Bank den Zins verlangen, der sich nun aus den Kosten für die Bankdienstleistung, einem Zuschlag für Gewinn und Risiko und einem Beitrag zusammensetzt, den wir als Kosten für die Einhaltung der Deckungsvorschriften oder als den Zins im eigentlichen Sinn bezeichnen wollen.

Nun haben wir aber auch festgelegt, daß Banken ihre Kreditnehmer nicht dadurch zahlungsfähig - liquid - machen, daß sie ihnen ihre Kredite in Notenbankgeld aushändigen, sondern ihnen ermöglichen, ihre Schulden durch Forderungen gegenüber der Bank zu begleichen. Die Bereitstellung von Notenbankgeld ist ja mit Kosten, den Notenbank-Zinsen, verbunden, die sich die Banken möglichst ersparen wollen.

Weiterhin ist die Vergabe von Krediten gesetzlich an die Haltung einer Mindestreserve in Notenbankgeld gebunden. Die Geschäftsbanken sind somit gehalten, entsprechende Reserven an Notenbankgeld zu halten.

Beide sind entscheidende Umstände für die Begründung und Höhe des Zinses.

Es sind nun aber nicht so sehr die Zahlungen, um die es geht. Vielmehr geht es um die Form des Haltens von Geld durch die Nichtbanken. Denn es sind die Banken, die bemüht sind, selbst möglichst viel Notenbankgeld zu einem bestimmten Preis und zu keinem höheren - als Mindestreserve halten zu können. Nun zahlen die Banken den durch den Notenbank-Zinssatz bestimmten Einlagenzins aber nicht allein auf Einlagen von Notenbankgeld, sondern auch auf Forderungen darauf. Dies aber nicht deshalb, weil hinter diesen Forderungen wiederum Kredite stecken, und damit auch wieder Notenbankgeld als Mindestreserve. Mit den gleichen Kosten könnte jede Bank günstiger einen Notenbankkredit aufnehmen und damit eine Aufstockung ihres Mindestreservenbestandes erreichen, was ihr ein Vielfaches an Kreditvergaben erlauben würde. (13)

Die Begründung für Einlagezinsen, die sich an der Höhe des Notenbank-Zinssatzes orientieren, ist vielmehr im Bemühen der Banken zu finden, die Geldbesitzer nicht nur vom Halten ihrer Ansprüche in Form von Notenbankgeld, sondern auch von kurzfristigen Forderungen auf Notenbankgeld abzuhalten und diese in längerfristige Veranlagungen umzuwandeln. So wie die Banken einen Einlagenzins für Notenbankgeld zahlen, der vom Notenbank-Zinssatz her bestimmt ist, so sind sie auch bei der Umwandlung von täglich fälligen in langfristige Forderungen genötigt, einen entsprechenden Zins zu zahlen, da dieser durch Barauszahlung und darauf folgende langfristige Veranlagung eventuell sogar bei einer anderen Bank - ja auch erzwungen werden kann. (14)

Die Zahlung und die Höhe von Einlagenzinsen ist nun in diesem Spannungsfeld zwischen dem Kampf der Geschäftsbanken untereinander um Einlagen einerseits und der Notenbank als Hüter der Währung andererseits zu sehen. Die einzelnen Geschäftsbankcn treiben den Einlagenzins (unter Berücksichtigung aller Nebenkosten) bis an den Notenbankzins heran, um jede für sich möglichst viele Einlagen zu erhalten bzw. kurzfristig in längerfristige umzuwandeln, und vermehren damit das Kreditangebot. Sie sind dabei auch ständig auf der Suche nach technischen Innovationen, mit denen sie ihren Kreditspielraum erweitern können.

Diese Erhöhung des autonomen Kreditangebotes der Geschäftsbanken - autonom heißt dabei: ohne Erhöhung des Mindestreservenbestandes der jeweiligen Bank über die Notenbank - zwingt wiederum die Notenbank, darauf durch eine weitere Erhöhung ihres Zinssatzes und/oder der Mindestreserve zu reagieren, um so einer übermäßigen Kreditausweitung gegenzusteuern.

Das aber heißt auch, daß die Notenbank nicht vollkommen autonom handeln kann, sondern dazu auch durch das Kollektiv der Geschäftsbanken gezwungen wird. Daß also die Höhe des Zinses letztlich nicht allein und autonom von der Notenbank bestimmt wird, sondern auch vom gesamtheitlichen Verhalten der Geschäftsbanken, ausgerichtet auf das gleiche Ziel, woraus sich eine Art Kollektivmonopol der Geschäftsbanken ergibt. Dieses Kollektivmonopol entsteht so unabsichtlich aus der Absicht der Notenbank, eine Verknappung des Kreditangebotes zu erzwingen, um so eine Erosion des Geldsystems zu vermeiden, und der Intention der Geschäftsbanken, diese Verknappung immer wieder zu durchbrechen, wodurch der Preis für Kredite durch den Wettbewerb nicht herabkonkurriert wird, sondern vielmehr hinauf bis in den Bereich des Notenbank-Zinssatzes.

Dieser so entstehende Zinssatz bestimmt dann aber auch die Untergrenze der Gewinnrate, also den in Zukunft zu erwartenden Ertrag einer Sachanlage. Investitionen, die einen zu kleinen zukünftigen Ertrag versprechen, unterbleiben dadurch, so daß auch das Wachstum solcherart begrenzt wird.

Dieser Zins kann andererseits nur bezahlt werden, weil die Unternehmer durch das Wachstum der Wirtschaft einen monetären Mehrertrag verdienen können, der aus neugeschöpften Krediten finanziert wird. So ist die Kreditfinanzierung und damit die Versorgung mit zusätzlichem Geld die notwendige Voraussetzung für die Erhöhung der effektiven Nachfrage nach den bereits fertigen Waren am Markt, und damit die Voraussetzung für die Entstehung des Mehrertrages beim Unternehmer, so daß dieser nun in der Lage und auch bereit ist, einen Teil hiervon als Preis für die Bereitstellung von Geld zu zahlen

Anmerkungen

1 Vgl. dazu Spahn (1986), S. 166 bzw. S. 167ff: »Der Geldcharakter eines Zentralbankgeldes ergibt sich daraus, daß die Geldordnung dies als »letzte Forderung«, bestimmt, die nur durch sich selbst eingelöst werden kann. Spahn zitiert aber auch Schumpeter: »Auf einem Anspruch auf ein Pferd kann man nicht reiten, mit einem Anspruch auf Geld kann aber Zahlungen leisten.«

2 Vgl. dazu Samuelson (1975), S. 71 (Abb. 3.1), sowie Woll (1981), S. 60 (Fig. 2-2).

3 Binswanger (1991), S. 20.

4 Marx (1953), S. 330: »Die Frage ist nicht: Wo kommt der Mehrwert her. Sondern: Wo kommt das Geld her, um den Mehrwert zu versilbern?«

5 Der Einwand, daß der Neueinsteiger Geld ausborgen, sich also verschulden kann, nimmt bereits den ganz entscheidenden Sprung von der Tauschwirtschaft in die Verschuldungswirtschaft vorweg, dem wir dann weiter unten nachgehen werden.

6 Binswanger (1991), S. 115.

7 Vgl. Heinsohn/Steiger (1981), S. 168. Mit Bezug auf die Bauernkriege im 14. Jahrhundert in England schreiben Heinsohn und Steiger: »Hier haben wir eine historische Situation, in der Geld entsteht. Der Leibeigene, der freier Bauer werden wollte, aber nur freier Lohnarbeiter wurde und daher seine Lebensmittel nicht selbst herstellen kann, muß diese nun kaufen können. Der Adelige, der Grundbesitzer, aber nicht Feudalherr geblieben ist, muß dem nun dringend benötigten Landarbeiter eben diese Kauffähigkeit verbürgen. ... Das gelingt ihm dadurch, daß er für Ansprüche des Lohnarbeiters mit seinem Grundeigentum bürgt.«

8 Hier stellt sich allerdings die nicht unberechtigte Frage, warum die Unternehmen in ihrer Gesamtheit Gewinne, oder genauer gesagt, einen Mehrertrag, erhalten können, obwohl sie mehr ausgeben als sie einnehmen. Die ausführliche Antwort findet sich im Beitrag voll H. C. Binswanger in diesem Band.

9 Vgl. Heinsohn/Steiger (1981), S. 168: »Machte man große Mengen zuvor angesammelten (akkumulierten) Geldes zur Voraussetzung für eine kapitalistische Wirtschaft, dann bliebe unerklärlich, wie z. B. der antike Kapitalismus zustande gekommen wäre. Dieser erfand ja das Münzgeld, beginnt also als eine Epoche, der ... keine monetäre Akkumulation vorausgeht.«

10 Vgl. Estermann (1993), S. 22 ff.: Das TALENTE-System definiert sich als bargeldloses Tauchnetz«, das als Modell in Aarau (CH) versucht werden soll. »Mitglied eines Tauschnetzes können Privatpersonen und Organisationen werden. Im TALENTE-System stehen am Anfang alle Konten auf Null. Es gibt noch keine TALENTE. Als erster Akt bestimmt die Kreditkommission die Höhe der Kreditlimite auf allen Konten (der Mitglieder). Damit ist ein TALENTE-Schöpfungspotential gegeben. Die ersten TALENTE entstehen nun dadurch, daß ein Käufer A als Entgelt für ein verkauftes Gut einen bestimmten Betrag - sagen wir 100 Tt. - an den Käufer B überweist. Durch die Überweisung entsteht auf dem Konto A ein Minusbetrag von -100 Tt. und auf dem Konto B ein Plusbetrag von +100 Tt. TALENTE entstehen somit immer paarweise als Minus- und Plusbeträge. Vor allem aber ist wichtig, daß ihr Entstehen die Folge eines Austauschprozesses ist. Sie sind dem Handel nachgeordnet. ...Die Existenz von TALENTEN zeigt aber auch an, daß der Austausch unvollendet geblieben ist. ... Geben und Nehmen sind noch nicht in einem Einklang. Sobald sich die Rollen umkehren, kann der Tausch vollendet werden, und beide Konti stehen wieder auf Null.«

11 Vgl. Heinsohn/Steiger (1981), S. 169: »Wir haben ... gezeigt, daß auch das Geld der Antike nichts anderes darstellt als ein Mittel, die ... zustande gekommenen Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse handhabbar zu machen.«

12 Dies bestätigt auch Herr: »Sie (die Zentralbank) hat die Macht, den Höchstzinssatz des Geldmarktes autonom festzusetzen. Ist sie bereit, die Geschäftsbanken grenzenlos per Kredit zu einem bestimmten Zinssatz mit Geld zu versorgen, so wird sich keine Geschäftsbank zu einem höheren Zinssatz Geld besorgen, sondern sich über die Zentralbank refinanzieren,.« (Herr [1986], S. 84 f.)

13 So ist etwa der Geldmultiplikator bei einem Mindestreservesatz von 10% gleich neun.

14 Vgl. Spahn (1986), S. 168: »Die außerordentliche Flexibilisierung und Erweiterung der Kreditmöglichkeiten durch die Verwendung von Giralgeld im Zahlungsverkehr enthebt die Banken deshalb nicht von der Notwendigkeit, ihren Liquiditätsstatus aufrechterhalten zu müssen, der durch tatsächliche Anforderungen von Zentralbankgeld gefährdet wird. Um liquide zu bleiben, ist das Kreditgeschäft durch eine - mit entsprechenden Zinskosten verbundene - Beschaffung von Zentralbankgeldeinlagen seitens der Nichtbanken abzusichern..«
 
 

Literaturverzeichnis

Binswanger, H. C. @1991): Geld & Natur. Das wirtschaftliche Wachstum im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie, Stuttgart.

Estermann, T. (1993): »Geldtheoretische Überlegungen zum TALENTE-Experiment von Aarau.« In: Alternative Geldmodelle, Aarau.

Heinsohn, G./ Steiger, 0. (1991): »Geld, Produktivitität und Unsicherheit im Kapitalismus und Sozialismus.« In: Leviathan, Heft 2, S. 164-194.

Herr, H. (1986): Geld, Kredit und ökonomische Dynamik in marktvermittelten Ökonomien die Vision einer Geldwirtschaft, München

Marx, K. (1953): Das Kapital, Bd. II. Berlin

Samuelson, P.A..(1975): Volkswirtschaftslehre, Bd. 1, Köln

Spahn, H.-P. (1986): Stagnation in der Geldwirtschaft, Frankfurt/M.

Woll, A. (1981), Allgemeine Volkswirtschaftslehre, München